Zum zehnjährigen Jubiläum des Abschiedskonzerts von Crowded House am 24. November 2006 erscheint am 17.11.06 ein Doppel-Live-Album auf CD und DVD. ZUR BESPRECHUNG | David Hepworths Artikel zur DVD CD 1:
- Mean To Me
- World Where You Live
- When You Come
- Private Universe
- Four Seasons In One Day
- Fall At Your Feet
- Whispers And Moans
- Hole In The River
- Better Be Home Soon
- Pineapple Head
- Distant Sun
- Into Temptation
- Everything Is Good For You
CD #2: - Locked Out
- Something So Strong
- Sister Madly
- Italian Plastic
- Weather With You
- It’s Only Natural
- There Goes God
- Fingers Of Love
- In My Command
- Throw Your Arms Around Me
- Don’t Dream It’s Over
Album: Crowded House / Temple Of Low Men / Woodface / Together Alone / Recurring Dream
BESPRECHUNG 1997 bereits gab es eine VHS
-Kassette »Farewell To The World« mit einem zehnminütigen Bericht rund ums Konzert vorneweg. Fast zehn Jahre später ist nun das Konzert als »10th Anniversary Edition« erschienen, und zwar erstmals als DVD und als Doppel-CD.Die DVD Ersteindruck: hervorragend.
Liebevoll animierte Menüs; nicht weniger als vier (!) verschiedene Tonmischungen zur Auswahl für das Konzert (die Mischung für die Videokassette von ‘97, eine neue Abmischung von Tchad Blake mit deutlich mehr »Punch«, ein DTS 5.1 Mix und ein Audiokommentar über die volle Länge mit Neil und Nick im Studio sowie Mark über Telefon) - alles optional untertitelt; übliche Extras wie eine Diashow von Konzertfotos unterlegt mit wahlweise dem Originaldemo von
»Instinct« oder dem von »Italian Plastic« - die ich beide noch nicht kannte - in voller Länge; drei Dokumentationen zum Konzert - »The Day They Brought The House Down« dieses Jahr gedreht mit einem Gastauftritt von Fanclubchef Peter Green, »Witness with Jana
White« kurz nach dem Konzert ausgestrahlt mit Einzelinterviews der Bandmitglieder, und »Planning The Event« mit Hintergründen zur Benefiznatur des Konzerts (diese Doku findet sich zum Teil auch auf der ‘97er VHS); und als Osterei ein echter Hammer (wird nicht verraten... aber die Credits-Sektion der DVD2 sollte man sich anschauen bzw. anhören). Das Konzert hat vier Titel mehr als die Videokassette von 1997 zu bieten: die Spontaneinlage »Italian Plastic«, »Weather With You«, »There Goes God« und »Throw Your Arms Around Me« (sehr zurückgenommene Akustikfassung des Songs, ganz anders als beispielsweise auf der 1991er Tour). »Now We’re Getting Somewhere« bleibt auch nach der Neuauflage den Besuchern in Sydney vorbehalten... Der Audiokommentar bietet für den
Fan tiefere Einblicke in die Situation zehn Jahre später - wie auch in der neuen Dokumentation ist zu spüren, dass Nick Neils Entscheidung, die Band zu einem Zeitpunkt aufzulösen, als sie möglicherweise dicht vor dem Durchbruch in die Liga der U2 und R.E.M.s dieser Welt standen, immer noch nicht nachvollziehen kann. Immer wenn die Kamera Paul ins Bild nimmt, spürt man, wie es stiller wird im Studio. Die Kamera des Konzerts ist mir immer noch zu hektisch und zufällig, zu effekthascherig, aber das war Sache der Regisseurin des Abends. Die Stimmung des Konzerts ist nicht ganz so locker wie zwei Jahre zuvor im Finsbury Park; es ist zu spüren, dass die Band nicht mit schiefen Tönen oder mißlungenen Experimentchen in das Walhalla der Rockbands einziehen wollte und daher weniger Spontaneitäten zuließ. Sehr
bewegend Pauls emotionaler Abschied von der Band während des Gigs, der leider 8 1/2 Jahre später unwiderruflich werden sollte. Die Doppel-CD Auf zwei CDs verteilt findet sich hier die Tchad Blake - Neuabmischung des Konzerts
(ganz zu Beginn hört man auch noch die Musik vom Band vor dem ersten Titel, die auf der DVD nicht zu hören ist). Ein Blooper Neils im Text des zweiten Refrains von »Mean To Me« wurde sehr gekonnt editiert; genauso das kleine Intermezzo mit dem Fan, der Neil mitten auf der Bühne in den Arm nahm (nach »Distant Sun«) - eine verständliche Entscheidung. Die Pause liegt zwischen »Everything Is Good For You« und »Locked Out«. Deutlich besser anzuhören als die VHS-Kassette (oder gar das Bootleg »Don’t Scream, It’s Over«) - Hut ab! Nur Nicks Baß ist manchmal ein bißchen zu stark zu hören... sehr klarer und schön in der Balance liegender Sound zwischen Soundboard und Publikum. Alle Crowded House - Fans, mehr über das Konzert und seinen Hintergrund wissen wollen, sind hiermit an den übersetzten Text des
Programmheftes und an die Presseberichte von 1996 verwiesen - und dringend aufgefordert, sich entweder das Album oder die DVD zuzulegen! Dass einer Band zehn Jahre nach ihrem Ende noch einmal so große Aufmerksamkeit zuteil
wird, ist der Plattenfirma zu danken. Irgendwo sitzen sie noch, die Fans der Band bei EMI - in L.A. und London und ganz gewiß in Köln: danke an Euch für dieses späte Geschenk!
David Hepworth: CROWDED HOUSE - FAREWELL TO THE WORLD
Rockbands erinnern in mancherlei Hinsicht an Ehepaare: Oft gehen ihre Anfänge auf Zeiten zurück, als die Protagonisten noch jung und verrückt waren, sie haben Höhen und Tiefen durchlebt, die betreffenden Personen kennen sich gegenseitig besser als jeder Außenstehende es sich auch ausmalen könnte, und während die Streitpunkte dazu tendieren, im Laufe der Zeit immer gewichtiger zu scheinen, werden die
Übereinstimmungen allzu oft als gegeben und selbstverständlich hingenommen. Letzten Endes ist man für immer aneinander gebunden, egal was auf den offiziellen Dokumenten steht und egal, wie viele unbedachte Worte in der Hitze des Gefechts zwischen den Beteiligten gefallen sind. Was zählt, sind die gemeinsamen Erfahrungen, Bande, die weder Zeit noch Raum vollständig eliminieren können.
Und deswegen lebt auch die Legende von Crowded House weiter, obwohl einige Dinge
vorgefallen sind, die einer weniger starken Legende das Ende bereitet hätten. Das eigentliche Ende von Crowded House kam im April 1994, als der stets so agil wirkende Drummer Paul Hester beschloss, dass er nun lange genug von seiner Familie getrennt gewesen sei und mitten in einer Tournee in Atlanta seinen Rücktritt erklärte. Das offizielle Ende wurde 1996 in einer Pressemitteilung bekannt gegeben. Sechs Monate
später beschloss die Band, das endgültige Ende mit einem Abschiedskonzert zu krönen, das am 23. November 1996 auf den Treppen vor dem Opernhaus von Sydney stattfinden sollte: "Farewell To The World" war der Titel. Und wie es der Zufall so oft will, gab es rund um dieses Konzert einen solch großen Medienrummel, dass viele Menschen, die die Band bislang kaum beachtet hatten, nun aufmerksam wurden und deren Greatest-Hits
-Sammlung "Recurring Dream" kauften, obwohl die Band, die sie produziert hatte, eigentlich gar nicht mehr existierte.
Wenn Neil Finn die letzten 30 Jahre Revue passieren lässt, bis zu jenem Tag, als er gleich nach der Schule in die Band seines großen Bruders, Split Enz, einstieg, so wird ersichtlich, dass Veränderung und Fluktuation in seinem privaten Universum eine große Konstante bilden. Oft sah das Publikum eine Band, deren Zusammensetzung gerade eben
erst an neuralgischer Stelle verändert worden war. Stets führten irgendwelche Ereignisse zu neuen Veränderungen. Die Plattenfirmen brachte das an den Rand der Verzweiflung. Das erfolgreichste Album von Crowded House, "Woodface" von 1991, hatte als Platte der Finn-Brüder begonnen. Nach ihrem Erscheinen wurde aus dem Trio plötzlich ein Quartett. Sie waren noch nicht lange auf Tour in Großbritannien, da waren sie wieder zu dritt.
Nichts bekam ihrer Karriere besser als der Moment, als sie diese aufgaben. Nichts war typischer für diese Karriere als eben die Tatsache, dass nichts planmäßig verlief. Das Abschiedskonzert war angesetzt für Samstag, den 23. November, doch das Wetter war dermaßen miserabel - man mag in Europa kaum glauben, dass es in Sydney so schlechtes Wetter geben kann - dass das Konzert um einen Tag verschoben werden musste. Und anstatt in das Sebel Town House einzukehren und die Zeit so
totzuschlagen, wie Rockstars das gerne tun, wenn sie unerwartet einen freien Abend haben, gingen Crowded House zum Venue am Bennelong Point und spielten dort den Großteil ihres Sets für die paar tausend Besucher. Manche der Zuschauer waren extra eingeflogen: aus ganz Australien, Neuseeland, sogar aus den USA und Europa, sie konnten ihre Rückflüge nicht umbuchen und das neu angesetzte Konzert sehen. Die Band fand es nur gerecht, für diese Fans ein außerplanmäßiges Konzert zu geben, um sie
zu entschädigen. Von all den Bands, die ich in den vielen Jahren kennen gelernt habe, war keine ihren Fans gegenüber so pflichtbewusst wie Crowded House, keine bezog die Fans so sehr in die Shows ein, keine war sich der Tatsache so bewusst, dass sie nicht aus Werbezwecken spielten, sondern einzig und allein für die Zuschauer.
Sonntag war das Wetter schön; mehr als 120.000 Menschen liefen zur Oper hinunter
und schlängelten sich auf die kleine Halbinsel. Die Stimmung war entspannt und locker - typisch australisch eben, als wäre das Motto dieser Nation: "Mach dir keine Sorgen!" Wer sich erst einmal auf Bennelong Point befand, kam da so schnell nicht wieder runter, und es war ein Segen, dass die Menschenmenge so friedlich war. Natürlich gab es wahre Pyramiden aus Menschen, aber auch das ist in Australien nicht ungewöhnlich.
Dann kam die Show. Sie begann genau, als die Sonne unterging und der Vollmond aufstieg. Doch es wäre auch unter allen anderen Umständen ein außergewöhnliches Konzert geworden. Kein Winkel ihres bemerkenswerten Katalogs blieb unberührt, von den Klassikern wie "Weather With You" und "Better Be Home Soon" bis zu den späteren, dichteren Arbeiten wie "Fingers Of Love" und der unverzichtbaren Hymne "Throw Your
Arms Around Me", die sie zwar nicht selbst geschrieben hatten, aber immer spielten. Selbst Paul Hesters scherzhaftes "Italian Plastic" ließen sie nicht aus. Der Veranstaltungsort vermag es, die prosaischsten Ansichten göttlich erscheinen zu lassen. Einen Teil des Konzerts konnte ich von der Seite der Bühne aus sehen. Direkt vor der Band stand das Opernhaus (das jemand mal als Nonnen, denen der Wind in die
Kopftücher fährt, beschrieben hat). Nach rechts hin schaukelten Boote und Yachten im Wasser mit Schaulustigen, die sich von dort aus das Spektakel anschauten. Nach links hin sah man die riesigen Fährschiffe, die nach Circular Quai einliefen oder es verließen. Und über allem, stets im Blickfeld, die Sydney Harbour Bridge. Wer würde bei einem solchen Panorama nicht zur Höchstform auflaufen?
Es ist ein verheißungsvolles Ereignis in einem außergewöhnlichen Rahmen, und wenn man
den Film ansieht, merkt man, wie die Band sich im Laufe der Show dieser Situation langsam bewusst wird. Die Augen werden feucht, die Stimme belegt, man vermeidet, sich in die Augen zu schauen, und nach "Don't Dream It's Over", den Nick noch am Vortag als den "besten letzten Song überhaupt" angepriesen hatte, drückt sich in den linkischen Umarmungen die ganze Anspannung aus - man ist sich der Tragweite des
Moments bewusst. Jeder dieser Männer betrat die Bühne mit unterschiedlichen Gedanken. Keyboarder Mark Hunt war als Musiker erfahren genug, um zu wissen, dass er als angeheuerter Ersatzmann in keiner anderen Band so viel Spaß haben würde wie in dieser. Nachdem Paul Hester sich zwei Jahre lang seinem Garten gewidmet hatte, war er so nervös, dass er sich fragte, ob er zu eingerostet sei, um überhaupt eine ganze Show
durchzuhalten. Nick Seymour fand, dass für Crowded House der Zenit noch lange nicht erreicht war, und nun, da Paul Hester ausgestiegen war, die Gelegenheit beim Schopf gepackt werden sollte. Neil Finn dachte, dass die Band, die von seinem eigenen Songwriting und seinem Gesang abhängig war, hier an ihrem Ende angelangt sei. Er wollte in der nächsten Zukunft nur für seine Familie verantwortlich sein, sonst für niemanden. Die ewige Spannung zwischen der Geborgenheit in der Band und dem Ruf des
Unbekannten spiegelt sich in einem internen Scherz: Als Hester die Band verließ, überlegten sie, ob sie einen alten Song spielen sollten; der Titel: "If You Leave Can I Come Too?"
Und nun, wie als Beweis, dass kaum ein Mensch es vermag, endgültige Schlussstriche zu ziehen, sitzen zehn Jahre später Nick Seymour und Neil Finn zusammen, um das Jubiläum dieses Abschieds zu begehen. In diesen zehn Jahren wurde eine Vielzahl an
unterschiedlichsten Projekten in Angriff genommen: Seymour zog nach Irland, malte weiterhin, spielte in einer Band namens Deadstar und kam für eine kurze Zeit zurück, um mit Paul Hester in der Band Tarmac Adam zu spielen. Die Wege der ehemaligen Mitglieder kreuzten sich immer wieder. An dem traurigen Tag im November 2005, als die Nachricht kam, dass Paul Hester in Melbourne verstorben war, standen Nick und Neil mit Tim Finn auf der Bühne der Royal Albert Hall in London.
In der Dekade seit dem "Farewell To The World"-Konzert hat es drei Soloalben von Neil Finn gegeben, darunter ein Livealbum, das mit einigen seiner berühmtesten Bewunderern aufgenommen wurde, etwa Eddie Vedder und Johnny Marr. Es gab eine Tour, bei der die Band bisweilen zufällig aus dem Publikum rekrutiert wurde, und die triumphale Wiedervereinigung mit seinem Bruder Tim 2004, "Everyone Is Here", mit der sie in
Großbritannien Gold erlangten. Tim Finn hat mit "Imaginary Kingdom" gerade ein neues Album veröffentlicht und ein weiteres Soloalbum von Neil Finn ist für das kommende Jahr geplant.
Es ist nicht fair, dass sich Neil immer noch dafür entschuldigen muss, dass Crowded House sich aufgelöst haben. In einem gewissen Sinn war es sein Bruch. In einem anderen Sinn waren sie genauso unsere Band wie seine. Vielleicht werden Rockbands in
der Zukunft ihre Karriere unter einem etwas anderen Licht sehen, werden sich periodisch voneinander trennen und dann wieder zusammenfinden, so wie Jazz-Combos das schon immer gemacht haben: ohne viel Brimborium, ohne schmutzige Wäsche, ohne tränenüberströmte Websites, und, seien wir fair, leider auch ohne so großartige Abschiedskonzerte. Wie sagt Neil so schön in der Zehn-Jahres-Jubiläumsedition von
"Farewell To The World": "Unser Ende haben wir besser hingekriegt als alles andere."
David Hepworth London 2006 |