Farewell to the world

Übersetzung des Begleittextes
im Programmheft des
letzten Konzerts von Crowded House

Die Nacht, in der ich diese neue Band zum ersten Mal sehen sollte, war sehr ruhig. Das Lokal war ein kleiner Club an der Grenze zu Sydneys Chinesenviertel, das noch nie zu einem Konzertauftritt genutzt worden war. Es war gerade mal Platz für ein Trio und ein kleines Klavier. Den paar Zuschauern, die gekommen waren, wurden Canapees serviert, und alle hatten, glaube ich, keine hochgeschraubten Erwartungen an das Kommende, außer der Hoffnung auf Freibier. Als das Trio allerdings durch das kurze Set rauschte, wußte ich, daß ich Alchemisten bei der Arbeit sah, die Grundelemente in Gold verwandelten.

Obwohl die Band Split Enz, in der Neil Finn seine Fähigkeiten als Musiker und Songschreiber erprobte, eine treue und weltweite Fangemeinde hatte, glaubte keiner nach deren Ende, daß die "Nachkommen" dieser Band den Erfolg wiederholen oder vergrößern könnten.. Unbeeindruckt von diesen Bedenken baute sich Neil die Mullanes mit Nick Seymour am Baß, Craig Hooper (Ex-Reels) an Keyboards und Gitarre, und dem letzten Enz-Drummer Paul Hester. Sie tourten durch Australien. Die Leute hielten sie für "ok".

Dann gab es eine Lücke. Da keiner hinsah, weiß ich nicht, wie lange es dauerte, bis diese Band Crowded House auftauchte. Doofer Name. Drei Typen mit großen Melodien und dem Gespür für Genuß beim Spielen. Im Dunkeln dieses Konzertsaals hörte ich den wahren Sound von Rock'n'Roll: drei Jungs, drei Instrumente und ein Stapel Songs.

Ab da ging's abwärts.

Die Mullanes waren ohne Hooper nach Los Angeles umgezogen, wo sie sich in dem legendären überfüllten Haus (sic!) niederließen, um einen Plattenvertrag zu suchen und schließlich bei Capitol Records zu bekommen. Eine erste LP, Crowded House wurde mit Mitchell Froom aufgenommen; die Platte kam mit wenig bis gar keinem Trara auf den Markt. Die erste Single "Mean To Me" war quirliger Rock - eine merkwürdige aber wahre Geschichte aus einem Leben im Pop-Geschäft. Wenn eine Band so anfängt, dann hatte "Mean To Me" alle Elemente der zukünftigen Crowded-House-Klassiker: Biß, Wahrheit, Mitgefühl und eine richtige Melodie. Trotzdem war die Geschichte eines verwirrten Groupies in Neuseeland kein großer Hit.

Daß ihnen sofortiger Erfolg versagt blieb, betrübte die Band nicht weiter. Sie spielten, und zwar überall. Sobald Paul sein Drumkit reduzierte, wurden sie zur mobilsten Gruppe der Welt. Die Songs, die für sparsame Instrumentierung gebaut waren, die Stimme voller Ehrlichkeit und diese Melodien bedeuteten, daß Crowded House wie Straßenmusiker um die Welt ziehen konnten. In den späten Achtzigern waren sie letztendlich die erste "unplugged"-Gruppe. Das kam ihnen auf ihrer ersten Amerikatournee sehr gelegen, auf der sie Talk-Show-Moderatorinnen betörten, während sie sich gleichzeitig in der großen Plastikwelt der USA etwas fehl am Platze vorkamen.

VulkanbildLangsam kamen die Leute auf den Trichter. Wie konnte man auch anders. Eines Nachts habe ich die Band in einem Nachtclub, dem alten Tivoli, am Stadtrand von Sydney gesehen. Sie kamen auf die Bühne und machten alle platt. Damals hatten sie Eddie Rayner an den Keyboards, der den Sound der Band etwas aufblies, aber er blieb nach wie vor sehr "basic". Dazu kamen dann noch die Sprüche und die Neckereien auf der Bühne, insbesondere von Paul Hester, der einfach nicht unterzukriegen war; die improvisierten Melodien und die Interpretationen ihrer eigenen Songs, die jeden Abend etwas anders war. Während sie diese Geschichten erzählten, sah es immer so aus, als mache ihnen das Spaß. Das erinnerte mich daran, wie ich mich fühlte, als ich die Beatles das erste Mal im TV sah. Die Beatles ließen alles wie ein großes Abenteuer aussehen, und ich wollte daran teilhaben. Ich wollte bei den Beatles mitmachen, bei ihnen oder bei irgendeiner anderen Band einfach nur weil Musik dann am besten ist, wenn sie gemeinsam stattfindet. Crowded House erinnerten mich an jenem Abend daran, weswegen ich mein Leben dem "Rock'n'Roll" gewidmet hatte. Sie weckten in mir den Wunsch, eine Band zu gründen (was ich zum Glück nicht getan habe).

Endlich, im Jahr 1987, knackten sie die Nuß Amerika. Die dritte oder vierte Single vom ersten Album, "Don't Dream It's Over", schaffte es ganz nach oben in die Charts. Crowded House war eine private Leidenschaft für uns gewesen - jetzt nicht mehr. Jetzt gehörten sie der ganzen Welt.

Ich vermute allerdings, daß es die Welt irgendwie nicht ganz verstanden hat, jedenfalls die Amerikaner. Crowded House schien eine Bande witziger, skurriler Typen zu sein, die alles auf Anfrage spielen konnten. Die Ausstrahlung und der Humor von Crowded House wurde als inszeniertes Image verstanden. Es lag allerdings noch etwas weit Ernsthafteres unter diesem Image.

Neil ist ein vollkommener Songwriter. Seine honigsamtene Stimme fügt sich mit einer entwaffnenden Ehrlichkeit in die Songs ein. Er hat zwar Humor, aber schräg oder skurril ist er nicht. Das nächste Kapitel ihrer Reise begann. Temple Of Low Men, das zweite Album, war sogar noch stärker als das erste, aber es zeigte eine Konzentration weniger auf die Jokes, als vielmehr auf die Songs. Indem sie dem offensichtlichen Weg auswichen, schnitten sie sich von der Vermarktbarkeit in den USA ab. Unterstützt von einigen Liedern, die die Zeiten überdauern werden - "Better Be Home Soon", "Into Temptation" und "When You Come" - wurde die zweite Platte ein mittelmäßiger Hit rund um die Welt.

Etwa um diese Zeit sah ich sie im State Theatre in Sydney. Sie brachten das Haus zum Kochen. Das Geplänkel zwischen Nick und Paul ließ die Grenze zwischen Besuchern und Künstlern verschwinden und schuf eine echte Einheit zwischen ihnen. Die Band gab alles in diesem Konzert, und wir gingen mit. Die Dekoration wackelte und schien sich unter dem Sperrfeuer von Gesang und Fußstampfen auflösen zu wollen.

Ohne die Hilfe von gesteuertem Licht, Nebelmaschinen oder Pyrotechnik, die die großen Rock-Acts begleiten, erreichten Crowded House das Gleiche nur mit ihren Liedern und ihrer Show.

Dann kam die Auszeit. Neil traf sich wieder mit Tim, seinem Bruder. Sie waren bereits in Split Enz zusammen gewesen und immer geplant, einmal eine Platte als Duo zu machen. Zum ersten Mal in ihrem Leben begannen die beiden, Lieder zusammen zu schreiben. Eine Sache kam zum anderen. Neil hatte Mühe mit dem Material für das nächste Crowded House Album. Die Songs mit Tim schienen so gut zu passen, und die Arbeit mit ihm so einfach zu sein. Eins kam zum anderen. Tim wurde Mitglied von Crowded House und sie machten das Woodface-Album zusammen.

1991 veröffentlichten sie Woodface, das als eines der besten Alben der 90er Jahre Bestand haben wird. Die Kombination von Tims Romantik und Humor mit Neils skurriler Vorstellungskraft, seinem Humor und seinem Sinn für Melodien schuf eine Sammlung der besten Songs dieser Band: "Weather with You", "Four Seasons In One Day" sind Songs, die nicht an eine mystische Jugenderinnerung, sondern an die Wahrheit der Gegenwart des späten Zwanzigsten Jahrhunderts anknüpfen.

Das Album war kein Hit in den USA, startete aber in Europa richtig durch, wo es zahlreiche Brit Awards gewann und der Band Titel wie "Band des Jahres" einbrachte.

Crowded House, nun zu viert, gingen auf Tour, und die Chemie, die zwischen ihnen im Studio existiert hatte, ließ sich nicht auf die Bühne übertragen. Zwei Sänger in der Band waren einer zuviel. Gegen Ende des Jahres wurde entschieden, daß Tim seine Solokarriere fortsetzen solle; sein Beitrag zu Crowded House war erbracht. So ist das nun einmal...
Crowded House spielten ein Jahr lang vor ausverkauften Häusern, und die Herzen flogen ihnen zu. Mit Tims Abgang wurde Mark Hart (Keyboards und Gitarre) vollwertiges Mitglied der Band.

CH in Neuseeland1993 trafen sich die vier in Neuseeland, um ihr viertes Album aufzunehmen, Together Alone. Kreative Unruhe wurde sichtbar. Die Schemata mußten aufgebrochen und neu zusammengesetzt werden. Mit einem neuen Produzenten bauten sie ihr eigenes Studio und fanden neue Inspiration. Together Alone mit den Maori- und Kinderchören, den pazifischen und afrikanischen Tönen und der unermüdlichen Stimmigkeit ergänzte den Katalog der Band perfekt. Weitere Hits reihten sich in die Sammlung: "Pineapple Head", "Private Universe" und "Distant Sun" behandelten wahre, menschliche Themen.

Wieder überschlugen sich die Kritiken. Die Hörer in Europa und Australasien hievten das Album hoch in die Charts und die Band tourte wieder um die Welt.

Together Alone vollendete einen Kreis, der mit den ersten Gigs der Band acht Jahre zuvor begonnen hatte. Damals waren es einfache Songs, auf den elementarsten Level zurückgeführt. Mit der Zeit wurde die Band anspruchsvoller. Sie legten mehr Schichten in ihre Musik und ihre Arrangements. Sie verfeinerten ihre Texte etwas mehr. Als das Album Ende 1993 veröffentlicht wurde, waren sie am Ende ihrer gemeinsamen Kreativität angekommen.

Die Tour, die folgte, brachte den Teilen der Welt, zu denen Crowded House noch nie gekommen waren, großartige Shows; als sie allerdings nach Amerika kamen, hatte der Streß der permanenten Tour Paul auf die Seele geschlagen, und Neil wurde unruhig. Paul verließ die Band und wurde durch den großartigen Peter Jones ersetzt - aber wie es so schön heißt, "es war an der Zeit"...

Neil ließ sich wieder in Neuseeland nieder und nahm das FINN-Album mit Tim auf. Vielleicht wurde ihm hier klar, daß Crowded House nicht das einzige Zuhause für seine Lieder sein mußte.

1996, zehn Jahre nachdem ich sie zuerst gesehen hatte, lösten sich Crowded House auf.

An was werden wir uns erinnern? Nicht an die Millionen Platten, die sie verkauft haben, die vielen Gold- und Platinum-Scheiben. Die werden in der Zeit verloren gehen. Woran man sich bei dieser Band erinnern wird, sind nur diese vier kleinen Scheiben. Wir werden sie weiterhin hören, auch wenn die CD eines Tages verschwunden sein wird, und die Menschen nach uns werden empfinden, was sie für uns gegen Ende des 20. Jahrhunderts bedeuteten - denn diese Songs und diese Geschichten darin sind zeitlos. Die große Wahrheit ist darin verborgen, und auch das kleine, genaue Detail dazu.

Ich selbst werde mich immer daran erinnern, wie es war, sie "Now We're Getting Somewhere" spielen zu hören und zu wissen, daß ich mich selten so in das Leben verliebt gefühlt habe. Laßt uns das nicht vergessen...

Übersetzung: BvW