Artikel aus 'ME Sounds' Ausgabe 11/1993
Gibt es das noch, Chart-Musik, die Unschuld mit Intellekt perfekt zu verbinden weiß? Melodien, von
deren Charme man genauso hingerissen ist wie von der Cleverness der Texte? Kurz: Pop, der Kommerz und Anspruch auf das Harmonischste verknüpft?
Natürlich gibt es das, nur war es bislang eine rein britische Angelegenheit. Die Beatles in der 60ern, 10CC in den 70ern und zu Beginn der 80er waren es Squeeze. Doch Mitte des letzten
Jahrzehnts erschienen aus heiterem Himmel Crowded House, eine Band von 'down under', deren Pop gepflegter war als manche englische Parkanlage. Ihr Debüt-Album warf mit Don't Dream It's Over und Something So Strong gleich zwei kapitale Hits ab, und auch die Nachfolgealbem TEMPLE OF LOW MEN und WOODFACE hatten mit Better Be Home Soon und Weather With You jeweils einen Hit im Gepäck. Und nun das vierte Album, mit dem die Band - im Dezember auch auf
Deutschland-Tournee - entgültig beweisen muß, ob sie das Zeug zum Klassiker hat oder nur eine Episode bleibt. Neil Finn & Co. haben sich von vornherein nicht vom Erwartungsdruck nervös machen lassen. Statt dessen zogen sie sich für die Aufnahmen in die Einsamkeit neuseeländischer Küstenlandschaften zurück - daher
auch der Albumtitel TOGETHER ALONE. Das akustische Ergebnis dieses "Naturexils": 13 glasklare Pop-Songs, allesamt lyrische Schwebestoffe, mal perlend leicht, dann wieder ungewohnt rockig. Da wird bei Black And White Boy die Gitarre vehement von der Leine gelassen, da erfährt ein Track wie In My Command durch ein griffiges Riff einen kraftvoll-aggressiven Schub. Und wie Neil Finn letzlich seinen (Melodie-)Bogen zu einem unwiderstehlich eingängigen Refrain spannt,
das sucht momentan im Pop-Business seinesgleichen.
Crowded House haben ihren Sound diesmal auch mit heimischen Klangfarben bereichert. Der Titeltrack und das versponnene Private Universe gewinnen durch den polyrhythmischen, perkussiven Charakter der Maori-Drums an atmosphärischer Dichte. Und das ohne moralischen
Ethno-Appeal, sondern einfach nur zur Betonung eines eigenständigen Pop-Profils. Hinzu kommt natürlich noch die Zauberkraft der Crowded House-typischen, unnachahmlichen Balladen wie Nails In My Feet und Distant Sun. Songs an der Nahtstelle zwischen Melodie und Melancholie. Traumhaft! (6 von 6 Sternen)
Helmuth Opitz |