Crowded House

Artikel aus 'Subline' Ausgabe 11 1993

Als ich hereinkomme ins Hotelzimmer von Nick Seymour und Mark Hart, dem Bassisten und dem Keyboarder von CROWDED HOUSE, schauen die beiden gerade gebannt in Richtung Fernseher: Auf CNN laufen unablässig Live-Bilder von der Moskauer Revolte, die beiden Musiker blicken ganz besorgt drein. Doch als das Interview beginnt, schalten sie die Kiste ab, Moskau ist fortan kein Thema mehr. Schließlich sind CROWDED HOUSE nicht in München, um politische Diskussionen zu führen, sondern um die Werbetrommel für ihr neues Album 'Together Alone' zu rühren. Immerhin gibt es eine ganze Menge zu erzählen, haben sich die vier doch nach der letztjährigen, 18monatigen-Mammut-Tour kaum eine Verschnaufpause gegönnt, sondern sind direkt ins Studio zurückgekehrt. Ins Studio? Ja und Nein.

Die Band karrte alle Instrumente und das ganze Studio-Equipment in ein abgeschiedenes Strandhaus, nahe dem neuseeländischen Auckland. Statt hektischer Recording-Sessions wie bei den ersten drei Alben verbrachten CROWDED HOUSE diesmal eine Art zweimonatigen Arbeitsurlaub. Nick erzählt, wie es dazu kam:

Wir wollten das Gefühl haben, nicht wirklich arbeiten zu müssen. Uns gefiel die Idee, barfuß am Strand zu laufen und zu surfen. Wir jammten in diesem alten Strandhaus einfach drauflos, so wie wir es als Kinder am Wochenende taten - am Ende kam dieses Album dabei heraus.

Offensichtlich hat die Zerstreuung den vieren mehr als gutgetan, denn auf 'Together Alone' klingen sie so entspannt wie nie. Sie schrieben 13 Songs, die allesamt durch ihre simplen, unkomplizierten Arrangements bestechen. Zart und unaufdringlich schleichen sich die auch die neuen CROWDED HOUSE-Kompositionen in unsere Gehörgänge, doch wenn sie erstmal drin sind, dann bekommt man sie nie wieder heraus. Stille Schätze wie 'Nails On My Feet' oder 'Distant Sun' sind das Resultat der entspannten Atmosphäre. Der Opener 'Kare Kare', benannt nach dem gleichnamigen Strand, bringt die Stimmung auf den Punkt.
Mark: Du bewunderst die Welt viel mehr mit all ihren Schönheiten, du blickst hoch zum Himmel und staunst. Produziert wurde das neue Werk vom Engänder Youth, der sich bislang vor allem als Dance Music-Produzent (PM Dawn, De La Soul) einen Namen gemacht hat. Wie unterscheidet sich seine Arbeitsweise von der eines Mitchell Froom, der für die drei Vorgänger 'Crowded House', 'Temple Of Low Men' und 'Woodface' verantwortlich war?
Alles war viel lockerer, die Arbeit hat unheimlich viel Spaß gemacht, erinnert sich Nick Seymour mit einem Grinsen im Gesicht. Er, Drummer Paul Hester und Mark Hart (er ist seit der 'Woodface'-Tour festes Mitglied) kamen endlich so zum Zuge, wie sie es sich vorstellen.
Was mich bei der Arbeit mit Mitchell immer irritiert hat, war dieser extrem hohe, disziplinierte Standard zwischen ihm und Neil Finn. Bei 'Together Alone' fehlte im Studio dieser konstante Level zwischen Neil und Mitchell auf der einen, und dem Rest der Band auf der anderen Seite. Youth nahm eine Menge Druck von unseren Schultern.
Nick spricht es nicht so deutlich an, aber zwischen den Zeilen wird klar, daß im Studio manches Mal im Verlaufe der Bandgeschichte mächtig die Fetzen flogen zwischen Neil, dem Perfektionisten, und den anderen.

Stimmt - schon diese unglaubliche Chemie zwischen Mitchell Froom und Neil hatte einen negativen Effekt auf uns. Irgendwie fühlten wir uns oft unterbewertet. Ich persönlich arbeite lieber auf einem emotionalen als auf einem cerebralen Level, und dazu hatte ich jetzt zum ersten Mal so richtig Gelegenheit. Manchmal waren wir schon fast furchterregend spontan.

Von dem guten alten ,Vier-Freunde-Sollt-Ihr-Sein' Motto sind CROWDED HOUSE also weit entfernt. Wir kommen miteinander aus, in dem Sinne, daß wir über alles sprechen, meint Nick, es gibt keine langen Phasen, denen wir uns ignorieren. Außerdem sind wir ehrlich zueinander. Wenn Du nicht ehrlich bist in einer Band wie der unseren, kann es ganz schnell auseinanderbrechen. Dann verliert man sich in einer Masse von Häßlichkeiten und gegenseitigen Gemeinheiten. Hoffen wir also, daß es bei CROWDED HOUSE nie soweit kommt, denn es wäre mehr als schade um die Ausnahme-Künstler.

Einen handfesten Krach der drei Neuseeländer und dem Australier Seymour kann sich ohnehin kaum jemand vorstellen, der ihre Musik gehört hat. CROWDED HOUSE-Lieder sind die Songs von Träumern, sie klingen so, als wären sie hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, der Welt zu entfliehen und dem Versuch, sie zu verstehen. Eben pure Melanchonie.

Nick kann da nur zustimmen: Es gehört untrennbar zum menschlichen Wesen dazu, melancholisch zu sein. Das unterscheidet uns immerhin von den Tieren. Wenn die von der melancholischen Quelle trinken, kommt von hinten der Jäger und erschießt sie. Wir dagegen können am Strand sitzen, dem Vollmond anschauen und nachdenken. Je mehr du nachdenkst, auch über dich ... Ja ja, absolut. Unsere Songs sind Klassiker. Sie könnten in den 60ern, 70ern, 80ern oder 90ern geschrieben worden sein, ist sich Nick Seymour sicher. Endlich darf auch Mark mal wieder was sagen: Ein guter Song ist eben ein guter Song. Unsere Songs sind sehr stark melodien-orientiert. Und eine schöne Melodie ist zeitlos. Trotzdem sind wir froh, daß wir jetzt und nicht in den 60er Jahren Musik machen. Damals steckten die Künstler soviel Leidenschaft in ihre Musik, aber sie haben kaum Geld verdient.

Aber wir schreiben ja 1993 und deshalb haben es CROWDED HOUSE zu einem bescheidenen, wenngleich ansehnlichen Reichtum gebracht. Natürlich machen wir Musik aus überzeugung. Doch wir sind alles andere als unglücklich, daß wir damit sogar unseren Lebensunterhalt verdienen können, ziemlich gut sogar. Wer viel verdient, kommt rum. Und wer rumkommt und viel Kohle hat, kriegt die besten Mädels ab.

CROWDED HOUSE können ein Lied davon singen, waren sie doch kürzlich mit Peter Gabriel und vielen weiteren 'Weltmusikern' im Rahmen der WOMAD-Tour in den USA unterwegs. Ich frage die beiden, ob sie Claudia Schiffer gesehen hätten, die ja seit Neuestem was mit Peter Gabriel habe. Als Antwort kommt ein gemeinsames Stöhnen. Schrecklich abstoßend. Während WOMAD ging es los, erinnert sich Nick.
Immer, wenn er einen Tag frei hatte, flog er nach New York, um sie zu sehen. Dieser Mythos mit dem Rockstar und dem Supermodel macht mich traurig. Hoffentlich passiert mir so etwas nie.

Nana, Nick. Ist das etwa der Neid der Besitzlosen?

Steffen Rüth