Time On Earth Pressetext

Für viele Menschen war Crowded House immer ein Synonym für puren Pop - so essentiell wie klares Quellwasser. Ein erquickliches, nahezu unverzichtbares Elixier. Doch je länger man sich nach Hits wie "Weather With You", "Four Seasons In One Day" oder "Don't Dream It's Over" sehnte, diesen fürwahr Wind und Wetter überdauernden Evergreens moderner Popmusik, desto abwegiger schien der Gedanke an eine Reunion. Im letzten Jahr war mit der CD/DVD "Farewell To The World" eine umfassende Dokumentation ihres gigantischen 1996er Abschiedskonzerts vor dem Opernhaus von Sydney erschienen, die noch einmal die ganze Klasse dieser australischen respektive neuseeländischen Ausnahmeband vor Augen führte und ihre Magie eindringlich spürbar machte.

Nun gibt es Crowded House wieder. Bereits die ersten Konzerte von Leadsänger und Gitarrist Neil Finn, Bassist Nick Seymour, Keyboarder Mark Hart und den erst kürzlich verpflichteten Schlagzeuger Matt Sherrod haben alte und neue Fans in Ekstase versetzt. Ein intimer Showcase auf einem Vergnügungsschiff in Bristol gehörte ebenso dazu wie ein umjubelter Auftritt auf dem Coachella Festival in der kalifornischen Wüste. Demnächst sind sie Headliner bei diversen Festivals in Großbritannien, unter anderem beim Hyde Park Calling in London am 23. Juni, sowie beim Live Earth Event am 7. Juli in Sydney.

CH-TimeOnEarth-m02Mit "Time On Earth" erscheint in diesen Tagen das erste neue Material von Crowded House seit 1993, als ihr bis dato letztes Werk "Together Alone" veröffentlicht wurde. Das neue Opus hat sich aus Ideen entwickelt, die Neil Finn für ein weiteres Soloalbum mit sich herum trug, doch die Zeit, der Zufall und nicht zuletzt auch tragische Umstände haben dazu geführt, dass es sich zu einem prächtig gereiften Bandalbum ausgewachsen hat. Der Grundstein wurde bereits vor knapp zwei Jahren gelegt, als Neil Finn mit seinem Bruder Tim einige Sessions spielte und sie dazu Nick Seymour für die Bassparts eingeladen hatten. Diese frühen Aufnahmen unter der Federführung des Produzenten Ethan Johns fanden in Neils Roundhead Studio in Auckland statt und eine Reunion wurde zwar nicht groß diskutiert, aber, wie Nick Seymour rückblickend sagt: "Die lag schon ein wenig in der Luft. Je mehr Songs wir ausprobierten, desto besser klappte die Zusammenarbeit und es wurde allmählich eine sehr natürliche Angelegenheit, die auf unserer Vertrautheit miteinander basierte."

Wie vertraut und beseelt die Aufnahmen am Ende wirklich klingen, kann man an brillanten Balladen wie Nobody Wants To, Pour Le Monde und You Are The One To Make Me Cry leicht nachvollziehen. Das sind für Crowded House archetypische Wiegenlieder, die so sanft sind wie ein Streicheln der Seele. Hinzu kommen das pittoreske Pop-Aquarell English Trees, das wie ein Stillleben leuchtende, höchst atmosphärische Mantra Silent House und das eindringlich beschwörende Walked Her Way Down, das sich für Crowded House geradezu als Rocksong ausnimmt. Kein Wunder, dass Neil Finn bei so viel stiebenden Götterfunken ins Grübeln kam, ob Crowded House nicht zwingend eine neue Chance bekommen sollte.

"Es rumorte allmählich in meinem Hinterkopf", so Neil. "Gleichzeitig dachte ich immer, da will ich nicht wieder hin. Vielleicht habe ich mir zu viele Gedanken über Lästermäuler gemacht, die denken, man macht das nur wegen des Geldes. Ende letzten Jahres kamen wir schließlich überein, dass einfach vieles für die Reunion spricht. Das ist schlicht und einfach ein Crowded-House-Album, weil wir alle mit von der Partie sind und es sich wie ein richtiges Bandalbum anfühlt."

Der unerwartete Tod des ehemaligen Drummers Paul Hester, der sich vor zwei Jahren das Leben nahm und dem das neue Album postum gewidmet ist, war für Neil Finn ebenso tragisch wie traumatisch und lenkte die Gedanken aus anderer Sicht auf Crowded House: "Mir ging durch den Kopf, dass solche Beziehungen, die man im Leben hat, selten und kostbar sind. Warum sollte man die Gelegenheit nicht beim Schopfe fassen? Nick und mir wurde klar, dass wir für die Band auf jeden Fall einen ausgezeichneten Schlagzeuger brauchen würden. Das Ganze wäre ohne Drummer erst gar nicht der Überlegung wert."

Matt Sherrod, der zuvor in der Band von Beck am Schlagzeug gesessen hatte, machte bei den Probe-Auditions schließlich das Rennen, während der amerikanische Keyboarder und Gitarrist Mark Hart, der schon 1993 bei "Together Alone" zum Line-up gehört hatte, ohnehin die erste Wahl war, als es schließlich hieß, die Band endgültig wieder zusammenzubringen. "Mit Matt am Schlagzeug war die Energie, die Paul mit seinem Stil erzeugt hatte, gleich wieder da. Er hat halt dieses gewisse Flair, wie er die Sachen umsetzt, sodass wir ihn allen anderen Drummern, mit denen wir gespielt haben, vorziehen. Das war sofort klar. Wie Paul ist er mit der Bass-Drum geradezu verankert."

Als das Line-up von Crowded House endgültig unter Dach und Fach war, gingen die vier Musiker gemeinsam mit dem Produzenten Steve Lillywhite in die legendären RAK Studios in London. Hier sollte der neu gewonnene Spirit der Band erstmals optimal zur Entfaltung kommen. "Sobald die Rede auf Crowded House kommt, steigen natürlich auch die Erwartungen. Bis zu den Sessions in London war das Album eher nachdenklich und melancholisch. Aber es gibt diese gewisse Energie, die Crowded House hervorzubringen weiß, die wir auf dem neuen Album ebenfalls repräsentieren wollten." So entstanden nicht nur die erste Single Don't Stop Now, die mit ihrer eindringlichen Melodik exakt jene Magie versprüht, die auch Klassikern wie "Weather With You" zu eigen ist, sondern auch die barock wirkende Songperle She Called Up, mit der die Band stilistisch galant zwischen Britpop-Finesse und US-Westcoast-Herrlichkeit pendelt, sowie Transit Lounge, eine mit edlem Soul aufgelockerte Delikatesse, die sich mit einer erotischen Sprecherin ankündigt, eine delikat wirkende Aufnahme, die Nick Seymour vor zehn Jahren auf einem deutschen Flughafen gemacht hatte. In Schwindel erregende Höhen der Gitarrenkunst schraubt sich schließlich Even A Child, das Neil Finn gemeinsam mit dem Gitarristen Johnny Marr schrieb, der mit seinem Spielwitz diesem prunkvoll strahlenden Songdiamanten den letzten Schliff verpasst.

"Was wirklich seltsam ist", befindet Neil Finn, "wir sind seit unserer Trennung eigentlich in gewisser Weise immer populärer geworden. Unsere Greatest Hits wurden mit dem Satz 'Du kennst mehr Songs von Crowded House als du dachtest' beworben und ich halte das für eine sehr treffende Zeile. Wenn man sich lange Zeit rar macht, scheint die Zuneigung der Menschen auch noch zu wachsen, Ich glaube, es ist viel schwerer, immer weiter zu machen, weil selbst der größte Fan das Interesse für einige Zeit verlieren wird. Wenn man dann fort ist und den Menschen eine Pause gönnt, scheinen sie einen hingegen mit sehr viel Wohlwollen zu betrachten."

Dabei ist "Time On Earth" genau das Album voller großartiger und warmherziger Songs, nach dem sich jeder Fan von Crowded House gesehnt haben wird. Hier stimmt einfach alles bis ins kleinste Detail. Selbst das künstlerisch höchst eigenwillige Artwork stammt einmal mehr von Nick Seymour. Die jüngsten Konzerte haben bewiesen, dass die Band höchst inspiriert, ja, in "high spirits" ist und sich mit kindlicher Freude in ein neues Abenteuer stürzt.

Crowded House haben so unerwartet wie willkommen ein neues und aufregendes Kapitel in ihrer Karriere aufgeschlagen. Wenn Neil Finn in diesen Tagen über Crowded House spricht, dann scheinen Stolz und Glück in seiner Stimme mitzuschwingen. "Die Songs haben noch immer Bestand und der Spirit der Band ist wieder aufgelebt. Wir haben zu unserem neuen Album tiefstes Vertrauen. Die Beseeltheit, die Energie und die Vitalität, die wir empfinden, werden wir mit der Band voll ausspielen." Schon jetzt darf man mit Fug und Recht behaupten, dass die Reunion von Crowded House mit "Time On Earth" eines der berührendsten und erfrischendsten Comeback-Alben des Jahres 2007 hervorgebracht hat.