Artikel aus 'WOM Magazin' Ausgabe 07/1998 Die Luft war raus bei
Neil Finn und den anderen Crowded-House-Musikern. "Wir trafen uns vor zwei Jahren nach einer etwas längeren Pause, um ein paar neue Stücke einzuproben, und es flog nicht ein Funke" berichtet der sympathische Neuseeländer. "Auch bei den nächsten zwei Versuchen merkten wir, daß zwischen uns irgendwie nichts Kreatives mehr stattfand. Wir begruben die Band, bevor es zu irgendwelchen Streitereien oder - noch schlimmer - zu mittelmäßigen oder gar schlechten Platten kommen konnte."
Die gab es im bisherigen Output des Sängers und Gitarristen noch nicht: Seine Arbeiten mit Split Enz oder Crowded House und auch das letztjährige Album mit seinem Bruder Tim unter dem Banner "Finn Brothers" mögen etwas sperrig gewesen sein, aber unter Niveau präsentierte er sich noch nie. Das hatte seinen Preis - nach anderthalb Dekaden Qualitätsarbeit fühlte sich Neil Finn ausgebrannt und zog daraus
Konsequenzen. "Ich machte Urlaub, ließ die Seele baumeln, fing an zu malen, genoß die Natur. Dennoch, nach einer Weile fehlte mir das Musikmachen, und ich rief meinen Freund Jim Moginie von Midnight Oil an. Zum Glück hatte er eine Woche Zeit und kam nach Neuseeland. Wir saßen zusammen am Meer, redeten, und ganz nebenbei entstanden Fragmente für Songs. Die Zusammenarbeit mit Jim war wichtig für die Erkenntnis,
daß ich weiterhin Musik machen möchte und daß ich es erstmals außerhalb eines festen Bandgefüges probieren will." Vier von den gemeinsamen Songs sind auf "Try whistling this" zu hören, der Rest des Albums ist wieder typisch Neil Finn. Gut, daß er uns als Song-Schreiber und Sänger erhalten geblieben ist!
Artikel aus 'ME Sounds' Ausgabe 07/1998 Dereinst mischte Neil Finn bei den neuseeländischen Poprockern Split Enz mit, und vor garnicht allzu langer Zeit begleitete er uns als Kopf von Crowded House mit Hits wie dem wunderbar sonnigen Stück "Weather With You" durch den Sommer. Nach der Auflösung von Crowded House 1996 versuchte der Sänger / Gitarrist /
Songwriter Finn zunächst, dem Musik-Business den Rücken zu kehren. Nach zweijähriger Auszeit wurde er schließlich doch wieder rückfällig und legt nun sein Solodebüt vor. Auf TRY WHISTLING THIS beweist er in 13 Stücken voller eingängiger Melodien und wunderschöner mehrstimmiger Gesänge, daß er das Pop-Handwerk nicht verlernt hat. Träge Streicher, Akustik- oder knarzende E-Gitarren und die Baßparts, die allesamt
von Soul Coughing - Basser Sebastian Steinberg eingespielt wurden, gehen friedlich Hand in Hand mit gelegentlich eingestreuten Loops und Samples. Ob bei den munteren Popstücken oder den melancholischen Balladen, stets strahlen die Songs Gelassenheit und wohlige Ruhe aus. Eine rundum freundliche, sympathische Platte für unkomplizierte, streßlose Hörfreude. 3 von 5 Sternen
Artikel aus ROLLING STONE Deutschland, Juli 1998 Zunächst gebührt Neil Finn an dieser Stelle noch einmal Anerennung dafür, daß er Crowded House rechtzeitig zu den Akten legte. Das Gefühl für den richtigen Abgang ist ja nicht unbedingt weitverbreitet in diesem
Geschäft. Nach Together Alone (1993) konnte in der Tat nicht mehr viel kommen. Höchstens noch mehr Ethno-Rock, noch mehr contemporary rock, noch mehr Selbstplagiat. Doch was bleibt zu tun, wenn man selbst die Band aufgelöst hat, die über Jahre Lebensmittelpunkt war? Kinder, Küche, keine Karriere?
Wie wär's mit Malen unterm freien Himmel? Erstmal den Kopf wieder freikriegen, jenseits von Verwertungszwängen. Bis es dann natürlich doch wieder klingelt im Kopf; ein paar Songs anklopfen: Hallo, ich will raus! Fast verschämt präsentiert sich Finn jetzt als "Sinner", den dünkt, daß seine hausgemachte Misere niemeanden kümmert oder angeht. These things I should keep to
myself, but I feel somehow strangely compelled - indes: schämen muß er sich nicht für "Try Whistling This". Wer schon im Titel den humorig verbrämten Abstand zum Crowded-House-Oeuvre vermutet, liegt aber nur bedingt richtig. Was fehlt, ist der nette Nonsens von "Weather With You", der schwarze Humor eines "Chocolate Cake", auch die launige "Taxman"-Referenz. "Try Whistling This" tönt, nun ja, "erwachsen", ohne
gleich mit wohlfeilen Altersweisheiten ins Haus zu fallen. Das Gespür für die gute Melodie aber ist Finn nicht abhanden gekommen, nur greift sie meist nicht mehr so entschlossen und hymnisch Raum wie hier noch im drängenden Gefühls-Gezeitenspiel des "King Tide". Statt dessen: eine dezente Hinwendung zu Grooves und Sounds abseits experimenteller Eierschaukelei und angesagter Club-Spielereien. Remove yourself from your past empfiehlt Finn in "Dream Date". Daßdas leichter
gesagt als getan ist, weiß er selbst am besten. 3 von 5 Sternen - Jörg Feyer
Artikel aus der BILD-Zeitung vom 22. Juni 1998 Mit den
Split Enz trat in den 70er Jahren erstmalig eine neuseeländische Band ins internationale Rampenlicht. Songwriter Neil Finn zeichnete sich bereits damals für seine zeitlosen Melodien aus. Als Sänger von Crowded House schließlich sicherte sich Finn eine treu ergebene Fan-Gemeinde, die die Band nicht nur wegen des Hits "Weather Without You" verehrte. 1996 löste Neil Finn Crowded House überraschend auf - er habe mit der
Band alles erreicht, erklärte er. Mit seinem ersten Solo-Album "Try Whistling This" meldet sich Neil Finn nun zurück. In seinem Heimatsudio am neuseeländischen Karekare Beach entstanden 13 eingängige Eigenkompositionen, die auch nach mehrmaligem Hören immer neue Facetten offenbaren. Groovende Bässe, Streicher, Akustik-und E-Gitarre bilden die Grundlage zu Finns Gesang, eingestreute Loops und Samples sorgen für Farbe. Neil Finn festigt
einmal mehr seinen Ruf als einer der besten zeitgenössischen Songwriter. Kein Wunder, daß Musiker wie Steven Tyler, Liam Gallagher und Radiohead zu seinen bekanntesten Fans zählen. Im Internet gibt es 640 Homepages zum Thema Neil Finn und 6350 zum Thema Crowded House. Wußtest Du das? "Ich habe mal ’reingeschaut, befasse mich aber generell
nicht so sehr mit Computern. Außerdem werde ich, wenn ich mir solche Seiten anschaue, immer ein bißchen klaustrophobisch. Ich will dann zuviel über mich wissen, und das ist nicht gut. Ich bin lieber fröhlich ignorant. Es ist aber toll, daß sich so viele Leute damit beschäftigen. Auf meinem neuen Album benutze ich das erste mal einen Computer als ein Songwriting-Werkzeug."
Wo ist der Unterschied zwischen Deinem Soloalbum und den Crowded House-Alben? "Das ist natürlich von Song zu Song verschieden. Einige sind mit der Akustikgitarre im typischen Crowded-House-Stil geschrieben, andere sind beim Jammen am Computer entstanden, in dem ich Sachen einspielte, dann wieder zerpflückte und rekonstruierte. In einigen Fällen kreierte ich mit Marius De Vries auch
erst eine Atmosphäre, auf die ich dann einen Song schrieb. Bei "Sinner" ist das, glaube ich, am deutlichsten hörbar. Diese Entwicklung hin zum Computer war für mich völlig natürlich. Obwohl ich, als ich in der Band war, nie mit der Situation unglücklich war, meine Ideen mit anderen zu realisieren. Der Computer ist ein weiteres Instrument, das mir geholfen hat, die Band zu ersetzen. Es war interessant für mich herauszufinden, inwiefern ich Computer in meinen
Sound mit einbringen kann, obwohl ich nie daran interessiert war, Computermusik zu machen, um in die Clubs zu kommen." Crowded House haben sich vor nunmehr zwei Jahren aufgelöst. Hast Du noch Kontakt zu den anderen Bandmitgliedern? Finn: "Wir sehen uns regelmäßig und kommen sehr gut miteinander aus."
Wie kam es, daß Du Dich schon mit zwölf dafür entschieden hast, Musiker zu werden? Finn: "Vielleicht weil mein Bruder, der fünf Jahre älter war als ich, viel spielte und ich durch ihn meine Leidenschaft entdeckte. Zu diesem Zeitpunkt spielte ich bereits Gitarre, Klavier und übte mich im Singen.
Irgendwie gab es für mich damals keinen Grund zu glauben, ich könne nich mein Geld mit der Musik verdienen, zumal es das einzige auf der Welt war, was ich machen wollte. Davor wollte ich Pastor werden, was ja eigentlich fast das gleiche wie Rockstar ist. Bei beidem mußt du dich vor Publikum präsentieren und produzieren. Manchmal gibt es sogar ganze Stadionkonzerte, ganz zu schweigen von dem ganzen Merchandising. Als der Papst nach Australien kam,
haben sie doch tatsächlich Rasensprenger unter seinem Namen verkauft: Eine Figur, die die Arme nach oben streckte, und aus den Händen sprudelte das Wasser." |